Teilnahme-Politik

Über unsere Teilnahmepolitik und Überlegungen zu sichereren Räumen

Mit der Feministischen FrühlingsUni möchten wir den Versuch eines safer space, also eines sichereren Raumes, machen. Einen sichereren, denn einen safe space oder tatsächlich sicheren Raum, frei von potentiellen Verletzungen oder Ausschlüssen für Beteiligte, gibt es nicht. Deswegen behalten wir uns vor, unsere Veranstaltung nur für FLIT* Personen[1] zu öffnen und die nach der Machtachse Geschlecht privilegierteste Gruppe, die der Cis-Männer[2], auszuschließen. Dementsprechend sind Trans*personen jeglicher Trans*identität zur Teilnahme ausdrücklich eingeladen. Auch die Umbenennung von Frauen*FrühlingsUni in Feministische FrühlingsUni soll dies abbilden.

Natürlich sind wir uns bewusst, dass sich auch immer mehr (Cis-)Männer für die Reflexion von Geschlechterrollen, das Teilen von Care- und Familienarbeit und allgemein für feministische Themen interessieren, sich damit beschäftigen, und sich aktiv an der Diskussion über diese beteiligen wollen. Aufgrund der Erfahrungen, wie sich Personen verhalten, wenn keine Cis-Männer anwesend sind, denken wir, dass Personen, die aufgrund ihres Geschlechts benachteiligt werden, eben diese sichereren Räume als konstruktiv erleben. Vor allem der Austausch, das gegenseitige persönliche Stärken und das Nach-außen-tragen des auf der FFU Erfahrenen soll so gefördert werden. Nicht nur das konkrete Verhalten von Cis-Männern, sondern auch das Verhalten aller anderen Geschlechter in Abwesenheit eben dieser verändern (Gesprächs-)Dynamiken. Weiters soll durch die auf der Veranstaltung vom Alltag abweichende Geschlechterstruktur die Reflexion von binären Männlichkeits- und Weiblichkeitsbildern und geschlechtlich konnotierten Verhaltensweisen aus einem anderen Blickwinkel beleuchtet werden. Wir sind uns bewusst, dass diese Lösung nicht ideal ist, eine Diskussion über die Teilnahmepolitik wird auch weiterhin geführt werden müssen. Dafür werden wir auch während der FFU bewusst Raum schaffen.

Neben Veranstaltungen und Räumen, die ausschließlich für FLIT*-Personen geöffnet sind, gibt es in Österreich auch zahlreiche feministische Veranstaltungen, die für alle Menschen offen sind. Mit unserer Entscheidung, auf die FFU auch dieses Jahr wieder ausschließlich FLIT*-Personen einzuladen, wollen wir kein Streben nach einem generellen Ausschluss von Cis-Männern in feministischen Räumen ausdrücken. Wir sehen uns als Teil einer vielfältigen Landschaft der feministischen Auseinandersetzung in Österreich, deren Vielfältigkeit unter anderem auch in den unterschiedlichen Einladungspolitiken widergespiegelt wird. Möglich ist selbstverständlich, dass Organisationsteams nach uns (die FFU wird jedes Jahr von einem neuen Team organisiert und gestaltet) in dieser Hinsicht andere Wege gehen.

Neben Geschlecht wollen wir auch andere Machtachsen im Blick bewahren. So sind tagtäglich Personen neben der Diskriminierung aufgrund ihrer Geschlechtsidentität und Geschlechts-performance, rassistischen, heteronormativen[3], ableistischen[4], klassistischen[5] sowie lookistischen[6] und vielen anderen Diskriminierungsmechanismen ausgesetzt. Die Intensität des Erlebens dieser Unterdrückungsmechanismen ist zwar subjektiv, dennoch multiplizieren sich diese strukturell umso mehr, je mehr Attribute, die nicht der vermeintlichen ¨Norm¨ entsprechen, einer Person zugeschrieben werden.

Wir freuen uns jederzeit, wenn ihr mit Fragen, Kritik und Verbesserungsvorschlägen an uns herantretet. Unabhängig davon, ob etwas tatsächlich Übergriffiges passieren sollte oder ihr ein Unwohlsein verspürt, das ihr nicht genau zuordnen könnt, stehen wir euch vor Ort rund um die Uhr als Awareness-Team zur Verfügung.

Zusätzlich möchten wir euch dazu aufrufen, aktiv daran mitzuwirken, die Veranstaltung gemeinsam mit allen Teilnehmenden zu diesem sichereren Raum zu machen, indem ihr vor Ort aktiv eure eigenen, oft durch Sozialisierung eingeübten Verhaltensweisen und Privilegien reflektiert, auf einander achtet, euch einander stärkt und euch so solidarisch zeigt.

 

[1] Frauen*, Lesben*, Inter*personen und Trans*personen sowie genderqueere Personen

[2] Männer, die sich mit dem Geschlecht, welches ihnen bei der Geburt zugeschrieben und mit dem sie sozialisiert wurden, identifizieren.

[3] Heteronormativität beschreibt eine Weltsicht, die Heterosexualität als soziale Norm postuliert. Damit einhergehend ist ein meist unhinterfragtes, ausschließlich binäres (zweiteiliges) Geschlechtssystem, in welchem das biologische Geschlecht mit Geschlechtsidentität, Geschlechtsrolle und sexueller Orientierung für alle gleichgesetzt wird.

[4] Ableismus bezeichnet den Vorgang der Ausgrenzung und Diskriminierung von Menschen mit Beeinträchtigungen, indem sie auf ihre Behinderung reduziert und deswegen als weniger leistungsfähig angesehen werden.

[5] Klassismus bezeichnet Vorurteile oder Diskriminierung auf Basis der Zuordnung in wirtschaftlich unterschiedenen sozialen Klassen.

[6] Der Begriff Lookism benennt den Mechanismus der Hierarchisierung von Individuen auf der Basis von Körpermerkmalen, die positiv oder negativ bewertet werden und den Wert des Individuums so steigern oder mindern können. Was im Bezug auf das Aussehen als positiv und negativ verstanden wird, hängt mit vielen Faktoren, wie beispielsweise Konzepten von Geschlechterrollen, zusammen.